Der Moltketurm an der Porta Westfalica

Der 1829 aus Porta-Sandstein errichtete Aussichtsturm, ursprünglich Wittekindsstein/-turm genannt und 1906 in Moltketurm umbenannt, steht am östlichsten Punkt des Wiehengebirges an der Porta Westfalica, ca. 1,2 km westlich des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Er ist zu Fuß vom Parkplatz Kaiser-Wilhelm-Denkmal über den Kammweg in ca. 25 Minuten zu erreichen. Der Turm ist knapp 16 Meter hoch. Im Inneren des Turmes führt eine Wendeltreppe zur Aussichtsplattform, die mit einem Geländer versehen ist.

Die Geschichte des Turmes beginnt im Jahre 1827, als sich auf dem Berg zufällig zwei Herren trafen, die für den Bau des Turmes von großer Bedeutung sein sollten. Der eine war Johann Jakob Vorlaender, von Beruf Geometer, der seit 1824 zunächst kommissarisch und ab 1828 als Obergeometer die Katastervermessung im Regierungsbezirk Minden leitete. Der andere Herr war Heinrich Ludwig Schumacher, Besitzer des am Fuße des Berges gelegenen Gutes Wedigenstein. 
 

Johann Jakob Vorlaender wurde am 3. Oktober 1799 in Allenbach im heutigen Kreis Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg geboren. Vorlaender absolvierte zunächst eine Forstlehre. Da er den mathematischen Wissenschaften sehr zugeneigt war, fand er eine Anstellung bei den damals beginnenden Katasteraufnahmen im Regierungsbezirk Arnsberg. Im Jahre 1819 bereitete er sich auf die Feldmesserprüfung vor, die er im Februar 1820 bestand. Bis zu seinem Wechsel in den Regierungsbezirk Minden im Jahre 1824 war er, unterbrochen durch seinen einjährigen Militärdienst, im Vermessungswesen tätig.
 

Heinrich Ludwig Schumacher wurde am 9. März 1779 in Meißen geboren, das bis 1973 zum Amt Hausberge gehörte und dann in die Stadt Minden eingemeindet wurde. Über den beruflichen Werdegang Heinrich Ludwig Schumachers ist wenig bekannt. Er schloss 1817 mit dem preußischen Fiskus einen Erbpachtvertrag über das Gut Wedigenstein ab und wurde Gutsbesitzer. Das Gut Wedigenstein war ursprünglich Eigentum des Mindener Domkapitels, wurde 1810 von Jérôme von Westfalen (Bruder Napoleons I.) aufgehoben und ging 1817 an den preußischen Fiskus über. 
 

Nach dem Ende der napoleonischen Besetzung Europas erhielt Preußen 1815 auf dem Wiener Kongress mit der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen große Gebietsgewinne im Westen. Für die Erstellung eines einheitlichen Grundsteuerkatasters in den neuen Provinzen, in denen bereits alte brandenburgisch-preußische Besitzungen wie das Fürstentum Minden (1648) oder die Grafschaft Ravensberg (1614) lagen, kamen die neuen Besitzungen nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und weitere Grenzveränderungen hinzu, so dass eine flächendeckende Landes- und Parzellarvermessung erforderlich wurde. Grundlage hierfür waren die Godesberger Instruktionen von 1819. Die Vermessungsarbeiten in den preußischen Westprovinzen gingen so zügig voran, dass bereits 1834 das Rheinisch-Westfälische Kataster fertiggestellt war. Einen maßgeblichen Anteil an diesem erfolgreichen Projekt hatte Johann Jakob Vorlaender, der für den  Regierungsbezirk Minden die Vermessungsarbeiten ab 1824 leitete.   

Netzkarte 1. Ordnung, Johann Jakob Vorlaender 

 

Den schönsten Punkt seines trigonometrischen Netzes fand Johann Jakob Vorlaender 1826 auf der Westseite der Porta Westfalica, dort, wo seit 1896 das Kaiser-Wilhelm-Denkmal steht. Er war auf der Suche nach einem Dreieckspunkt. Leider musste er feststellen, dass der in Richtung Nonnenstein fast auf gleicher Höhe verlaufende Bergrücken und seine starke Bewaldung ein Hindernis darstellten, so dass er zunächst daran dachte, diesen Punkt aufzugeben. Die Anlage von Schneisen kam wegen der vielen Privatgrundstücke, die man hätte durchschneiden müssen, und wegen der hohen Kosten nicht in Frage. Dann dachte er an einen hölzernen Signalturm, der über den Wald hinausragen sollte. Auch diese Idee verwarf er wieder, weil er befürchtete, dass die Instrumente nicht stabil genug aufgestellt werden könnten. Bei einer erneuten Begehung entdeckte er auf dem Bergrücken einen Baum, der alle anderen überragte und als Richtpunkt dienen konnte. Er entschied sich für diesen Baum als Signalpunkt, zumal der Wald nach Süden hin eine Lichtung aufwies,  wo er zumindest einen Teil der Winkel hätte messen können.
 
Nachdem die Entscheidung für einen Signalbaum gefallen war, wollte er 1827 mit den Messungen beginnen. Zufällig traf er auf dem Berg Heinrich Ludwig Schumacher, den Besitzer des Gutes Wedigenstein. Er teilte ihm mit, dass ein Signalbau zu teuer sei, um aus dem Kataster-Vermessungs-Fonds bezahlt werden zu können, so dass man sich mit einem Signalbaum begnügen müsse. Sein Hinweis, dass in Beckum ein solcher Signalbau durch die Unterstützung der Bevölkerung möglich geworden sei, erregte die Aufmerksamkeit von Heinrich Ludwig Schumacher. Er zeigte sich zuversichtlich, dass angesichts der hervorragenden Lage des Punktes und des großen Interesses der Anwohner an der schönen Aussicht in die Umgebung der Porta Westfalica auch hier ein solcher Bau gelingen werde. Die notwendigen Vorarbeiten wurden sofort vereinbart und durchgeführt. Die Finanzierung erfolgte aus Mitteln des Katasteramtes, eine Subskription unter dem Vermessungspersonal und den Anwohnern erhöhte die Summe, die aber bei weitem nicht ausreichte. So ist Heinrich Ludwig Schumacher für die Vollendung des Turmes zu danken, wenn er nicht den weitaus größeren Teil der Gesamtkosten aufgebracht hätte.
 
Bei seinen Vermessungsarbeiten im Regierungsbezirk Minden traf Johann Jakob Vorlaender natürlich auch auf Wanderer. So wurde er oft nach der Höhe der einzelnen Signalpunkte gefragt. Dies veranlasste ihn, bestimmte Höhenpunkte wie die Hünenburg, den Köterberg und andere zu vermessen, so auch den Wittekindsstein. Für den Wittekindsstein errechnete er bis zur Aussichtsplattform 940,98 rheinländische Fuß über dem Nullpunkt des Amsterdamer Pegels.  Umgerechnet in Meter ergibt sich eine Höhe von 295,33.
 
Bis ins hohe Alter bewahrte sich Johann Jakob Vorlaender seine volle geistige Frische. Erst 1878, im Alter von 79 Jahren, trat er in den Ruhestand. Am 10. März 1886 starb er im Alter von 87 Jahren in seiner Wahlheimat Minden. Er wurde auf dem alten Mindener Friedhof beigesetzt.
 
Heinrich Ludwig Schumacher starb am 12. Oktober 1856 im Alter von 77 Jahren. Er ist auf dem Erbbegräbnis Gut Wedigenstein oberhalb des Gutes am Dehmer Weg beigesetzt.

 
 
Literatur- und Quellenverzeichnis
 
Vorlaender, Johann Jakob,  Geografische Bestimmungen im Königlich Peußischen Regierungsbezirke Minden vermittelt des trigonometrischen Netzes zur Aufnahme als Grundsteuerkataster, 1853,  im Selbstverlag des Verfassers in Commission bei Körber & Freitag erschienen
 
Pfitzer, A., Zur Geschichte des Rheinisch-Westfälischen Katasters – Johann Jakob Vorlaender – ein Vorkämpfer des preußischen Vermessungswesens, Zeitschrift für Vermessungswesen, Heft 1, 1913, S. 3-5

Bildnachweis
Netzkarte 1. Ordnung, Regierungsbezirk Minden, Johann Jakob Vorlaender