Kreuzkirche  

Bei Ausgrabungen im Nordwall der Wittekindsburg in den 1990er Jahren wurde auf dem Felsen, der die Burg in Ost-West-Richtung durchquert, eine kreisförmige Bodenerhebung entdeckt, die nicht natürlichen Ursprungs sein konnte. Bei den 1996 durchgeführten Ausgrabungen wurden die Überreste eines Gebäudes mit einem perfekt symmetrischen Grundriss entdeckt: vier kreuzförmige Arme von jeweils 4 x 4 m, die sich um ein Zentrum mit den gleichen Abmessungen gruppieren. Das Gebäude könnte im späten 10. oder frühen 11. Jahrhundert errichtet worden sein. Eine genauere Datierung ist derzeit nicht möglich. 

Kreuzkirche auf der Wittekindsburg Porta Wesfalica

Zentralbauten gab es bereits zu Beginn der christlichen Ära. Dazu gehört die Grabeskirche in Jerusalem, die Kaiser Konstantin über dem wiederentdeckten Grab von Jesus Christus errichten ließ (ca. 325-335). Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Kirche San Vitale in Ravenna, ein byzantinischer Kuppelbau aus der Zeit 540 bis 574. 

Kirche San Vitale in Ravenna

 

Eine Besonderheit unter den Zentralbauten sind die sogenannten Heilig-Grab-Kirchen und die Heilig-Kreuz-Kirchen. Ein Beispiel dafür ist die Heilig-Kreuz-Kirche in Trier, die ursprünglich auf einem  gleichschenklichen Kreuz erbaut wurde, die der Domprobst Arnulf 1050/66 errichten ließ. Diese Kirche ist trotz einiger Umbauten vollständig erhalten geblieben. Auch die zweigeschossige romanische Pfalzkapelle St. Ulrich in Goslar wurde nach neueren Erkenntnissen auf einem quadratischen, gleichschenkeligen Kreuz errichtet. 

Pfalzkapelle St. Ulrich, Goslar

 Pfalzkapelle St. Ulrich, Goslar


Epitaph Kaiser Heinrich III

Cenotaph Kaiser Heinrich III († 1056)
 St. Ulrich Kapelle, Goslar

Der mittelalterliche Baukörper und die Fundamentplatte sind noch weitgehend erhalten, während das achteckige Obergeschoss fast vollständig eine Rekonstruktion aus der preußischen Zeit ist. Die Fundamentplatte und die angrenzende Kaiserpfalz stammen aus dem frühen 11. Jahrhundert. 

Welche Bedeutung hat das gleichschenklige Kreuz und wer gab der Kapelle ihren Namen? Der Namensgeber, Bischof Ulrich von Augsburg († 973), war durch zahlreiche gemeinsame Ereignisse mit den ottonischen Königen  und Kaisern verbunden, die ihn auch  nach seinem Tod noch hoch wertschätzten. Besonders erwähnenswert ist seine Beteiligung an der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955, wo er mit seinem Heer zusammen mit den königlichen Truppen Ottos I. die Reiterheere der Ungarn besiegte. Während der Schlacht soll er mit einem erhobenen gleichschenkligen Siegeskreuz herumgeritten sein. Das Ulrichskreuz ist in der Pfarrkirche St. Ulrich und Afra in Augsburg zu sehen. Heinrich II., der letzte ottonische König und Kaiser († 1024), gilt als möglicher Initiator eines Ulrichspatronat in Goslar. 

Im südlichen und westlichen Innenraum der Kreuzkirche auf dem Wittekindsberg wurden die Überreste von fünf Gräbern freigelegt. Einzelne menschliche Knochen deuten darauf hin, dass es mindestens ein weiteres Grab gab. Die Köpfe der Verstorbenen waren nach Westen ausgerichtet, so dass ihr Blick nach Osten gerichtet war.

Überreste von fünf Gräbern in der Kreuzkirche auf dem Wittekindsberg

Die Daten der paläoanthropologischen Untersuchung ergaben, dass ein Junge und ein Mädchen bei ihrem Tod etwa 4 Jahre alt waren, das älteste Mädchen war 6-7 Jahre alt, das jüngste Kind 1-2 Jahre alt, wobei das Geschlecht nicht bestimmt werden konnte. Bei der Frau handelte es sich um eine Erwachsene. Um mögliche Familienbeziehungen zu ermitteln, wurde eine DNA-Analyse durchgeführt. Demnach sind zwei der vier Kinder höchstwahrscheinlich die Kinder der erwachsenen Frau, und es ist nicht auszuschließen, dass sie auch die Mutter der anderen Kinder war. Um das Alter der Gräber zu klären, wurde eine Probe des Kinderskeletts aus Grab 4 entnommen.  Die Radiokarbondaten weisen auf einen Zeitraum zwischen 780 und 980 hin. Das Skelett des 4-jährigen Mädchens aus Grab 4 wurde erst 1997 entdeckt. Es lag in Rückenlage in einer flachen Grube, die sorgfältig mit Steinplatten abgedeckt war. Die westliche Umfassungsmauer bedeckte den Kopf und Teile des Oberkörpers. Dies beweist, dass das Gebäude über bestehenden Gräbern errichtet wurde. Die familiären Beziehungen zwischen den Bestatteten und ihre Altersstruktur lassen vermuten, dass sie wahrscheinlich zur gleichen Zeit gestorben sind. Wenn dies der Fall war, stellt sich unweigerlich die Frage, woran oder wie sie gestorben sind - ein natürlicher Tod scheint eher unwahrscheinlich.  Wurden sie Opfer eines gewaltsamen Angriffs oder sind sie verunglückt? Wenn ja, dann könnten sich an ihren Knochen Spuren finden lassen. 


Es ist auch interessant zu wissen, wer diese Menschen waren, die dort begraben sind. Es besteht zumindest eine zeitliche Nähe zu Thetwif, der Einsiedlerin und Ordensgründerin auf der Wittekindsburg.  In diesem Fall könnte es sich um eine Klosterkirche handeln. Da es aber noch keine archäologischen Funde von den ehemaligen Klostergebäuden und deren Lage gibt, kann ein Zusammenhang zwischen Kloster und Kirche derzeit nicht definiert werden. Es ist auch möglich, dass es sich um die Kapelle einer Adelsfamilie handelte. Doch wer waren diese Adligen? Es ist bekannt, dass das mächtige sächsische Adelsgeschlecht der Billunger, das seinen Stammsitz in Lüneburg hatte, zahlreiche Besitztümer an der Oberweser besaß, darunter die Schalksburg in Hausberge (1723 abgerissen), vermutlich auch die alte Burg Wedigenstein und die vermutete Turmhügelburg (frz. Motte), die 100 Meter östlich vom Ostwall auf einem Felsen gelegen haben könnte. Dort gibt es deutliche Erdspuren, die auf einen Burggraben hindeuten. Wenn die Vermutungen zutreffen, dann gab es in unmittelbarer Nähe der Wallburg einen befestigten Adelssitz, der mit den Gräbern und der Kreuzkapelle in Verbindung gebracht werden kann. Es ist bekannt, dass die Billunger die Verwaltung ihrer zahlreichen Besitztümer, vor allem der am weitesten von ihrem Stammsitz Lüneburg entfernten, Lehnsleuten anvertrauten. Es ist nicht auszuschließen, dass der Süntelwald, der heutige östliche Teil des Wiehengebirges, ursprünglich direkter Billunger Besitz war, der dann 991 per Königsurkunde an Bischof Milo zur Gründung des Klosters übertragen wurde. Aus der Urkunde geht hervor, dass Herzog Bernhard I., ein Billunger, bei der Beurkundung anwesend war.    

Die Billunger waren eng mit den ottonischen Königen und Kaisern verbunden. Nach dem Tod seines Vaters Heinrich I. im Jahr 936 ernannte Otto I. Hermann Billunger zum Heerführer in den Slawenfeldzügen und zum ständigen Grenzschützer an der Unterelbe sowie zu seinem Stellvertreter in Abwesenheit des Königs. Nach Hermanns Tod im Jahr 973 übernahm sein Sohn Bernhard I. († 1011) die Rechte und Befugnisse seines Vaters. 973 war auch das Todesjahr Ottos I., so dass Bernhard zunächst für Otto II. und später für Otto III. weitreichende Aufgaben im Herzogtum Sachsen übernahm und in deren Abwesenheit als Stellvertreter fungierte.